Die Arbeit schön reden

Die Arbeit schön reden

„Die meisten Menschen reden sich ihre Arbeit schön“

Arbeit macht glücklich? Das sei Selbsttäuschung, sagt der Philosoph Michael Cholbi. Wir sollten unsere Jobs nicht heroisieren, sondern hinterfragen.

Das ist ein Artikel aus ZEIT_ONLINE (Juni ’23)
Interview: David Gutensohn

Jeder dritte Angestellte in Deutschland denkt über Kündigung nach, viele mögen ihren Job aber auch. Damit machten sich einige etwas vor, sagt Michael Cholbi. Er ist Philosoph an der Universität von Edinburgh und forscht dazu, wie sich Menschen an Gegebenes anpassen, wenn sie glauben, keine Alternative zu haben.

ZEIT ONLINE:
Herr Cholbi, ich mag meinen Job und finde, dass er mich glücklich macht. Sie bezweifeln, dass das möglich ist.

Michael Cholbi:
Es gibt Menschen, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Ich zähle mich selbst dazu. Aber viele Angestellte glauben, dass sie ihren Job mögen. Sie tun das aber nicht, sondern täuschen sich selbst. Manche Arbeit ist wenig erfüllend oder schlecht bezahlt und trotzdem reden sich Menschen ein, dass sie glücklich damit sind. Das liegt daran, dass wir in arbeitszentrierten Gesellschaften leben und uns nichts anderes übrig bleibt, als uns Jobs schönzureden. Wir sind gebunden an soziale Zwänge.

ZEIT ONLINE:
Welche sind das?

Cholbi:
Im Kapitalismus wird jeder ermutigt, Arbeit als wichtig anzusehen. Arbeit ist das Zentrum unseres Lebens – diese Ansicht ist weitverbreitet. Der Beruf gilt als sinnstiftend, gibt Anerkennung, Freunde, vermittelt manchmal sogar den Partner. Er ist Teil unserer Identität, viele Menschen betrachten sich selbst nicht als Bürgerinnen und Bürger, sondern als Polizist, Lehrerin oder Erzieher. In dieser Kultur haben wir keine andere Möglichkeit, als uns mit der Arbeit anzufreunden. Das führt dazu, dass wir sie nicht mehr hinterfragen, sondern akzeptieren.

ZEIT ONLINE:
Warum kann der Mensch das so gut?

Cholbi:
Das läuft über adaptive Präferenzen, einen Begriff, der auf den Philosophen Jon Elster zurückgeht. Gemeint sind Vorlieben, die ein Mensch nur hat, weil seine Autonomie eingeschränkt ist. Wenn Alternativen fehlen, nehmen wir das, was übrig bleibt, anders wahr.

ZEIT ONLINE:
Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Cholbi:
Ja, mit einer Fabel des Dichters Äsop. Darin geht es um einen Fuchs, der an einer Weinrebe vorbeigeht und sie essen will. Er versucht an die Rebe heranzukommen, aber er schafft es nicht. Immer wieder scheitert er, gibt auf und sagt: Die Trauben sind mir eh zu sauer.

ZEIT ONLINE:
Und so wie der Fuchs rede ich mir ein, dass ich meinen Job mag, weil ich keinen besseren habe?

Cholbi:
Viele Menschen tun das. Wie der Fuchs passen sie ihre Präferenzen an das an, was gerade verfügbar ist. Das Unerreichbare wird unattraktiv gemacht. Indem man sich einredet, dass man es ja eh nicht haben wollte. Oder indem man den Istzustand besser darstellt, als er ist, damit man nichts verändern muss.

ZEIT ONLINE:
Sollten wir unseren Jobs gegenüber kritischer sein?

Cholbi: Unbedingt! Gerade mit dem Wissen, dass wir sie heroisieren und unsere Arbeitsbedingungen schöner reden, als sie sind. Wir sollten uns fragen, welchen Wert der Job für uns hat. Und ob die positiven Gefühle ihm gegenüber gut begründet sind oder ob sie nur ein Produkt unserer Sozialisation sind.
Dafür muss man beobachten, was einem bei der Arbeit gefällt und was man schrecklich findet. Ist das in etwa gleich viel? Kein Job ist perfekt. Aber man sollte ihn ab und zu mit anderen vergleichen und sich fragen, was man von seinem Berufsleben erwartet. Ist das ein guter Verdienst und wenig Stress? Oder will man mit seiner Arbeit die Welt besser machen? Oder will man Karriere machen? Ist das überhaupt in diesem Job möglich?

ZEIT ONLINE:
Wird man nicht unglücklich, wenn man nur auf Jobs schaut, die man niemals haben wird?

Cholbi:
Das kann passieren, aber ist es besser, sich daran zu orientieren, als an welchen, die einem nicht liegen. Oder noch schlimmer: als daran zu denken, dass man sonst keine Arbeit hätte. Oft hält die Angst vor der Arbeitslosigkeit Menschen in ihren Jobs.

ZEIT ONLINE:
Wobei diese Angst durch den Fachkräftemangel gering sein könnte.

Cholbi:
Das stimmt und ist auch gut so. Die Folgen können wir schon seit ein paar Jahren beobachten. In der Pandemie haben einige Menschen ihre Jobs hinterfragt und für sich bestimmt, wie Arbeit sein soll. Nicht ohne Grund sprechen wir von Great Resignation oder Quiet Quitting. Vor allem in den USA haben viele Menschen ihre Jobs gekündigt. Manche haben sogar ihren Beruf gewechselt und neu angefangen.

ZEIT ONLINE:
Was Ihrer These widerspricht, dass man sich Jobs mit schlechten Arbeitsbedingungen schönredet.

Cholbi:
Nein, viele Menschen tun das noch immer. Und andere haben das jahrzehntelang getan und fangen jetzt erst an, ihre Arbeit zu hinterfragen. Ich habe diese These bereits 2018 geäußert und fühle mich bestätigt, weil einige Angestellte Arbeit heute anders bewerten als früher.

ZEIT ONLINE
Gibt es Berufe, die mehr versprechen, als sie einhalten?

Cholbi:
Es gibt zumindest Arbeit, die leichter hinterfragt werden kann als andere. Die sogenannten Bullshitjobs zum Beispiel, Arbeiten, die sinnlos sind. Da merken Menschen eher, dass sie nichts Essenzielles zur Welt beitragen. Doch man kann auch in anderen Jobs unzufrieden sein. Auch Ärztinnen oder Feuerwehrleute merken zuweilen, dass sie sich mehr von ihren Rollen erhofft haben, als sie ihnen geben.

ZEIT ONLINE:
Wenn viele Jobs unglücklich machen: Braucht der Mensch mehr Freizeit?

Cholbi:
Ja, wir sollten über eine reduzierte Arbeitszeit sprechen. Ich lebe in Schottland und dort wurde die Viertagewoche erfolgreich getestet. Wenn der Mensch weniger arbeitet, geht es ihm besser, das zeigen Studien. Ich will nicht falsch verstanden werden: Ich bin nicht gegen Arbeit. Als Philosoph denke ich aber, dass wir Dinge aus den richtigen Gründen als schön empfinden sollten – auch unsere Jobs.

ZEIT ONLINE:
Um das zu können, braucht man Zeit und Sicherheit. Würde ein bedingungsloses Grundeinkommen dabei helfen?

Cholbi:
Ich würde das befürworten, weil es dazu führen würde, dass mehr Menschen mit dem Arbeitsdogma brechen würden. Wenn wir auch ohne Arbeit leben könnten, würden wir merken, dass sie eine Funktion hat, aber nicht das Allerwichtigste ist.

ZEIT ONLINE:
Sie plädieren dafür, dass Arbeit eine Nebensache sein sollte?

Cholbi:
Warum nicht? Der Mensch ist mehr als sein Job. Also sollte er dafür sorgen, dass Arbeit nicht der Lebensmittelpunkt ist. Wir sollten Menschen unterstützen, damit sie begreifen: Das Leben bietet mehr, als den ganzen Tag zu arbeiten – nur um sich dann Produkte leisten zu können, die man nicht braucht.

Ja, das klingt an.

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Dem Klima, dem Krieg und dem Egoismus allgemein. Deiner Beziehung zu Gott oder der Steuerbehörde. Luxus, Elend und Ohnmacht. Die Auswahl ist gross.

In diesem Artikel wirst Du die Antwort finden auf die Frage „Was tun gegen die Langeweile?“

Da lasse ich mich über Langeweile aus, während viele Menschen froh wären, sich wieder einmal langweilen zu dürfen… Wer täglich ums Überleben kämpfen muss, hat wohl wenig Verständnis dafür. („Die Langeweile ist die Not derer, die keine Not kennen.“ Zitat)

Doch die Langeweile findet immer und überall Gelegenheit, sich breit zu machen. Im Job, in der Beziehung, im Traumurlaub, im Konzert, im Gespräch, im Krieg, und und.
(Der Langeweile wegen boomte im Tigray-Konflikt bei der Bevölkerung beider Kriegsparteien das Spielen von „Bingo“, wie eine Kriegsreporterin berichtete.)

Langeweile ist das Unglück der Glücklichen.
(Horace Walpole)

Die Langeweile hat’s in sich

Das Zitat (von Shunryu Suzuki, einem japanischen Zen-Meister) lässt das erahnen:

„Langeweile ist ein Gefühl, das nur in einem Geist aufkommt, der nicht bereit ist, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind; es ist der Geist, der sich ständig nach Veränderung sehnt und sich weigert, das zu schätzen, was vor ihm liegt.“

Warum ist „der Geist“ nicht bereit die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind? Warum sehnt er sich ständig nach Veränderung und warum schätzt er nicht einfach das, was vor ihm liegt?

Liegt dieser Unruhe ein frühkindliches Trauma zu Grunde? Haben wir uns das Nie-still-halten als Strategie zugelegt um beängstigenden Eindrücken möglichst rasch zu entkommen? Ist sie Ausdruck einer psychischen Beschädigung?
Stephen Wolynski legt das nahe und spricht von der alltäglichen Trance, die ihren Ursprung im „grösstmöglichen Trauma“ hat; er meint damit das „geburtshalber Entrissenwerden aus der allumfassenden Verbundenheit“.
(Mehr in „Die Essenz der Quantenpsychologie: Durchschauen, wer wir nicht sind“.)

Oder ist es die Neugier, die Gier nach Neuem? Eine negative Auslegung wäre die Sucht nach Neuem. Gier und Sucht unterscheiden sich:
Die Gier ist nur heftiges Verlangen, die Sucht aber macht ein Sättigungsgefühl unmöglich. Sicher hängt beides zusammen, aber nicht unumgänglich.
Gesundes Verlangen oder starke Gier lässt sich (zumindest vorübergehend) befriedigen und schreit nicht gleich nach der nächsten Dosis.
In der Sucht kann keine wirkliche Sättigung mehr erreicht werden.

Die Neugier nach dem Leben ist bestimmt nichts Schlechtes. Wenn sie sich aber auf die Suche nach möglichst vielen und sich überbietenden Reizen von Aussen beschränkt, geht sie mit chronischer Unruhe einher.

Klar ist: Der Verstand kann’s nicht so mit Reizarmut und Stille.

1954 hat der US-amerikanische Neurophysiologe John C. Lilly am National Institute of Mental Health (NIMH) den ersten „Floating Tank“entwickelt. Das Gerät wurde später auch als „Samadhi-Tank“ bekannt.

Im isolierten Tank legt man sich in konzentriertes, 35° warmes Salzwasser und treibt da schwerelos, vollkommen abgeschottet von Aussenreizen. Nichts Sensorisches, kein Geräusch, komplett dunkel.
Lillys Anliegen war, die Aktivität des Gehirns bei „Sensorischer Deprivation“ zu untersuchen.

Er fand heraus, dass sich ein besonderer Entspannungszustand einstellt, der bezogen auf die Gehirnwellenfrequenz zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt ist.
Was sich aber auch zeigte, dass viele Menschen während den Versuchen zu halluzinieren begannen.

Das Gehirn scheint also dermassen daran gewöhnt zu sein, sich unaufhörlich und gleichzeitig mit Tausenden von Eindrücken beschäftigen zu müssen, dass es irritiert reagiert wenn es plötzlich nichts mehr zu tun bzw. zu verarbeiten hat.
Um den gewohnten, „sicheren“ Zustand wieder herzustellen, beginnt es darum Sinneseindrücke selber herzustellen, zu fälschen, um etwas zum Verarbeiten zu haben.

Also: Warum ist „der Geist“ nicht bereit die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind? Warum sehnt er sich ständig nach Veränderung und warum schätzt er nicht einfach das, was vor ihm liegt?
Ist es wegen traumabedingter Unruhe? Ist es eingefleischte Neugier? Ist es wegen der Gewöhnung an das Viele?

Langeweile ist nichts anderes als der Wunsch nach Wunscherfüllung.
(Dogen Zenji)

So oder so: Langeweile ist ein Zustand, den die wenigsten herbeisehnen.

Er stellt sich ein, wenn wir nichts zu tun haben oder wenn wir uns nicht für das interessieren, was wir tun. Die Zeit vergeht dann sehr langsam und Unwohlsein macht sich breit.

Die oben behandelte Rastlosigkeit ist an und für sich noch kein Grund um sich unwohl zu fühlen.
Hinter dieser speziellen Art von Unwohlsein steckt ein Gefühl der Unzufriedenheit, das aus Unterforderung und Bedeutungs- oder Sinnlosigkeit resultiert.

Aber wer entscheidet denn über die Bedeutung einer Sache oder die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit?
Und was hat das mit dem Sinn des Lebens zu tun?
Diese Frage bricht der Langeweile das Genick, denn sie ist ziemlich spannend.

Umgeben von Megatonnen an Ablenkungen umgeben, müssen wir uns der Langeweile nicht unbedingt aussetzen. So haben wir sie nicht als wichtiges Element unserer emotionalen Landschaft auf dem Radar und die Quelle der Langeweile braucht uns nicht zu interessieren.

Wir nähern uns der Quelle der Langeweile, wenn wir Frage(n)* nach unseren Bedürfnissen und (Lebens-) Zielen zulassen. „Was ist mir wichtig?“, „Was kann ich und was will ich damit?“ Und überhaupt: „Wer bin ich?“.
(* Der Hund beisst sich in den Schwanz: Mit diesen Fragen verschafft sich der Verstand einen ordentlichen Schub an (intellektuellen) Reizen und verfehlt mit seinem Ringen nach schlüssigen Antworten das Wesentliche. Paradoxerweise kann die Beschäftigung mit der Langeweile sehr unterhaltsam sein.)

Langeweile ist der beste Lehrer, um uns zu lehren, wie wir uns selbst beschäftigen können.
(Shunryu Suzuki)

Hat die Unruhe etwa auch ihre Vorteile?

Es kursieren Theorien darüber, welche evolutionären Vorteile die Langeweile bzw. die Unruhe, die sie hervorruft, haben könnte.

Eine Möglichkeit ist, dass Langeweile uns dazu bringt, aktiv nach neuen Herausforderungen und Möglichkeiten zu suchen, um unsere Fähigkeiten und unser Wissen zu erweitern.
Indem wir uns langweilen, motiviert uns unser Gehirn, nach neuen Erfahrungen und Aufgaben zu suchen, die uns dabei helfen, uns weiterzuentwickeln und das Überleben zu sichern.

Eine weitere Theorie besagt, dass Langeweile uns dazu anregen kann, kreative Lösungen für unsere Probleme zu finden.
Wenn wir uns langweilen, haben wir Zeit und Raum, um über unsere Situation und unser Leben nachzudenken und möglicherweise neue Ideen und Perspektiven zu entwickeln.

(Eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht in der Zeitschrift „Creativity Research Journal“, zeigte, dass Menschen, die sich langweilen, eher zu kreativen Denkprozessen fähig sind als Menschen, die der Langeweile aus dem Weg gehen.)

Ziellosigkeit und Langeweile erleichtern das Unglücklichsein
(Thomas Pfitzer)

Wissenschaftliche Studien…

.. betrachten die Langeweile aus verschiedenen Perspektiven, da es sich um ein komplexes Phänomen handelt.

Generell: In der englischsprachigen Forschung wird zwischen „State Boredom“ und „Trait Boredom“ unterschieden – während ersteres eine situativ erlebte Langeweile mit Anfang und Endpunkt bezeichnet (etwa das Verbringen einer langweiligen Schulstunde oder das Warten auf die Bahn), handelt es sich bei „Trait Boredom“ um ein Persönlichkeitsmerkmal, das beeinflusst, wie schnell und häufig sich jemand langweilt und wie intensiv das Gefühl der Langeweile empfunden wird.

In der Psychologie wird Langeweile als ein Zustand der Unterstimulation beschrieben, bei dem eine Person das Gefühl hat, dass sie ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten nicht vollständig wahrnimmt bzw. nutzt. Dies zeige sich oft in Form von Desinteresse, Unwohlsein und Unzufriedenheit.

Zahlreiche Forschungen bringen Essstörungen, Angststörungen sowie Depressionen mit Langeweile in Verbindung. Eine Studie von 2008 belegte einen Zusammenhang von aggressivem und schnellem Fahren mit dem Hang zur Langeweile.

Die Unzufriedenheit kann sich also in Form von Aggression zeigen: Gelangweilte Menschen reagieren gegenüber anderen schneller wütend oder feindselig.
Besonders, wenn das Gegenüber nicht zu der “eigenen” Gruppe gehört, wie Forscher Wijnand Van Tilburg und Eric Igou in einer Versuchsreihe herausfanden:

In ihrem Projekt wurde die Auswirkungen von Sinnsuche und Langeweile auf die politische Gesinnung untersucht: Demnach schliessen sich gelangweilte Menschen besonders häufig radikalen politischen Vereinigungen an. „Langeweile lässt die Menschen versuchen, ein Gefühl der Sinnhaftigkeit wiederherzustellen“, heisst es in dem Forschungsartikel, der 2016 im European Journal of Social Psychology erschien: „Politische Ideologien und insbesondere das Festhalten an linken bzw. rechten Überzeugungen können als Bedeutungsquelle dienen.“

Bei gelangweilten Testpersonen fand man vor allem Aktivität im “Default Mode Network” (DMN). Diese Verbindung von verschiedenen Hirnregionen ist genau dann aktiv, wenn wir nichts tun und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten. So auch bei abschweifenden Gedanken oder Tagträumen – die wiederum häufig auftreten, während wir uns langweilen.

In den Studien kommen unterschiedliche Gehirnregionen innerhalb des DMN zum Zuge, was vermutlich an den verschiedenen Untersuchungs-Methoden liegt. Es ist schwierig, Langeweile spezifisch zu messen. Die Autorinnen und Autoren einer kanadischen Übersichtsstudie schreiben: “Langeweile ist ein grundsätzlich internes Erlebnis, weshalb es schwierig ist, im Experiment zu bestimmen, wo die Langeweile beginnt und aufhört.”

„Du langweilst Dich? Selber schuld, mach was.“

Dass sich jemand selbstverschuldet langweilt, greift zu kurz.
Zu viele Faktoren tragen zu diesem Zustand bei.

So können etwa die Umstände im Leben eines Menschen nicht besonders herausfordernd oder interessant sind, was dazu führen kann, dass er sich langweilt. („Dann verändere eben die Umstände.“ – „Klar, mach das, wenn Du im Gefängnis sitzt!“)

Oder vielleicht verunmöglichen Stress, Erschöpfung, Depressionen, sich in stimulierenden Aktivitäten zu engagieren.

Sowieso ist Langeweile ein subjektives Gefühl, das von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Was für den einen langweilig ist, interessiert den anderen brennend.

Es gibt jedoch auch bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen, die dazu beitragen können, dass sich jemand langweilt.
Wer sich zum Beispiel nur auf die Ablenkungen durch Technologie und Unterhaltung konzentriert, entwickelt weniger Fähigkeiten, um mit der Langweile zurecht zu kommen. Gleichzeitig kann ein Mensch, der sich bewusst herausfordert, neue Dinge ausprobiert und seine Komfortzone ab und zu verlässt, weniger anfällig für Langeweile sein.

Langeweile ist der Zustand ungelebten Glücks.
(Almut Adler)

Die Langeweile und das Zeitempfinden

In der Langeweile scheint die Zeit langsamer zu vergehen und sich zu dehnen.
Dies liegt daran, dass Langeweile meist mit mangelnder Stimulation und fehlenden Ereignissen verbunden ist. Denn es sind die deutlich wahrnehmbaren Ereignisse, die helfen, die Zeit wahrzunehmen und zu messen.

Wenn wir uns langweilen, kann es schwieriger sein, uns auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Die Gedanken schweifen ab, wir werden uns „Zeitlöcher“ bewusst und fühlen uns dadurch langsam und unproduktiv.

Die Wahrnehmung der Zeit kann auch dadurch beeinflusst werden, wie wir sie nutzen: Wenn wir uns langweilen, fällt es uns schwerer, produktive Aktivitäten zu finden, die uns helfen, die Zeit effektiv zu nutzen, was wiederum dazu beiträgt dass die Zeit sich langsamer anfühlt.

Die Langeweile korreliert also mit einem langsameren Zeitgefühl und einer geringeren Wahrnehmung von Ereignissen. Was dazu führt, dass wir uns unproduktiver und unzufriedener fühlen. Einerseits wurde uns eingetrichtert, dass wir „die Zeit nutzen“ sollen, andererseits haben wir auch das Bedürfnis, in dieser Welt wirksam zu sein.

Verlängert oder verkürzt Langeweile das Leben?
(Ernst Ferstl)

Langeweile und Selbstwertgefühl

Das Gefühl der Langeweile und damit einhergehend die Überzeugung, die Zeit nicht zu nutzen, kann sich auf das Selbstwertgefühl auswirken.

Menschen, die sich häufig langweilen, haben eher das Gefühl, ihr Leben sei ohne Bedeutung oder sie hätten keine Kontrolle über ihre Umstände. Zur Frustration oder Niedergeschlagenheit ist’s dann nicht weit, was sich wiederum auf das Selbstwertgefühl auswirken kann.

„Es hat alles keinen Sinn.“ Negativen Gedanken oder Glaubenssätzen bereitet die Langeweile eine komfortable Spielwiese um sich auszubreiten.
„Ich bin unbedeutend.“ „Ich bin nicht gut genug, um interessante Dinge zu tun.“

Langeweile und ein geringes Selbstwertgefühl verstärken sich gegenseitig; ein Teufelskreis.

Verzweiflung ist unendlich viel lustvoller als Langeweile.
(Giacomo Leopardi)

Können sich Tiere langweilen?

Langeweile und Selbstwertgefühl korrelieren bei Tieren wohl eher nicht.
Es gibt aber Hinweise darauf, dass Tiere sich langweilen können, insbesondere wenn sie in einer Umgebung leben, die ihnen keine ausreichende Stimulation oder Herausforderungen bietet.

In Gefangenschaft ist ihre Umgebung begrenzt und vorhersehbar und sie haben wenig Kontrolle über ihr Leben.

Einige Anzeichen dafür, dass Tiere sich langweilen können, sind zum Beispiel stereotype Verhaltensweisen, wie ständiges Hin- und Herschaukeln oder Kreisen, oder apathisch lethargisches Verhalten.
Diese Verhaltensweisen deuten auf Unterforderung und mangelnde Stimulation; ein solches Tier ist nicht artgerecht beschäftigt.

Leben ist Bewegung, der Körper ist in Bewegung (auch wenn er oberflächlich gesehen gerade komplett still hält) und verlangt nach Bewegung.
Mit Blick auf die Aussage, dass Langeweile sich durch das Fehlen von Reizen auszeichnet, kann man also durchaus von „körperlicher Langeweile“ oder körperlich empfundener Langeweile sprechen.

Die Langeweile lauert hinter jedem erfüllten Wunsch.
(Lisz Hirn)

Ab welchem Alter langweilt sich der Mensch?

Ein genaues Alter kann nicht definiert werden, da dies von vielen Faktoren abhängt: Die individuelle Persönlichkeit, Erfahrungen, Interessen, Umstände etc.

Einige Studien zeigen, dass Kinder ab 2 Jahren ein Verhalten zeigen, das als Langeweile interpretiert werden kann.
Kleine Kinder können oft noch nicht gut mit der Langeweile umgehen und suchen gerne nach externen Stimulierungen und Aktivitäten, um sich zu beschäftigen und zu unterhalten.
Aber da unterscheiden sie sich grundsätzlich nicht wesentlich von erwachsenen Menschen.

Im Laufe des Lebens verändert sich die Art und Weise, wie Menschen mit Langeweile umgehen. Ältere Menschen haben meist andere Interessen und Prioritäten als Kinder oder Jugendliche und entsprechend einen anderen Umgang mit der Langeweile.
Idealerweise können sie sie gar als Gelegenheit nutzen um zu reflektieren oder sich zu entspannen.

Kurz: Langeweile erlebt wohl jeder Mensch im Laufe seines Lebens, unabhängig vom Alter. Wie einzelne damit umgehen und wie stark sie sie empfinden, hängt jedoch von vielen individuellen Faktoren ab.

Die Macht der Gewohnheit wird durch Langeweile stabilisiert
(Gerhard Uhlenbruck)

Zum Begriff „Langeweile“

Der Begriff „Langeweile“ wird in seiner heutigen Bedeutung erst seit dem 18. Jahrhundert in der Literatur verwendet.

Dass die Menschen aber seit jeher mit der Herausforderung der Unterforderung konfrontiert waren, liegt nahe.
Beispielsweise gibt es in antiken Schriften wie etwa den Werken von Seneca oder Cicero Hinweise darauf, wie Menschen das Gefühl der Leere und der Unzufriedenheit bekämpften und nach Wegen suchten, um sich zu beschäftigen und zu unterhalten.

Ethymologisch Begriff leitet sich „Langeweile“ aus dem Mittelhochdeutschen ab, wo er als „lange wile“ bezeichnet wurde, sich also aus zwei Teilen zusammensetzt:
„lange“ = „lang“ oder „gedehnt“, „wile“ = „Zeit“ oder „Augenblick“.
„Lange Zeit“ oder „gedehnter Augenblick“ also.

Ursprünglich hatte das Wort eine neutralere Bedeutung und bezeichnete einfach einen längeren Zeitraum, bekam aber im Laufe der Zeit eine negative Konnotation und wurde mehr und mehr verwendet um das Gefühl von Unterbeschäftigung und Trägheit zu benennen.

In der Langeweile spüren wir das Nichts.
(H.U. Bänziger)


Langeweile, Philosophie und Physik

Das Wort „Wile“ stammt aus dem Altenglischen und bedeutete ursprünglich „Trick“ oder „Kniff“.
Es leitet sich vom germanischen Wort „wilja“ ab, das „Wunsch“ oder „Wille“ bedeutet.

Im Laufe der Zeit hat sich „Wile“ weiterentwickelt und wurde auch für andere Bedeutungen wie „Listigkeit“, „Cunning“ und „Täuschung“ verwendet.
Im heutigen Englisch ist das Wort „wile“ jedoch eher selten in Gebrauch und wird meist nur noch in poetischer Sprache oder als Teil von Redewendungen verwendet.

Im Mittelhochdeutschen wurde das Wort dann in der Form „wīle“ verwendet, um eine „Zeit“ oder einen „Augenblick“ zu bezeichnen.

Die Tatsache, dass unklar ist, wie der Sprung von „Täuschung“ zu „Zeit“ gelang, bietet Hand zu Spekulationen:
Hatte eine Mystikerin oder ein Mystiker die Eingebung, dass die Vorstellung von „Zeit“ lediglich eine Täuschung, eine Illusion, ist?
Aber wie konnte sich die schräg wirkende Eingebung eines einzelnen Menschen dann so stark verbreiten, dass daraus ein geläufiges Wort wurde?

Die Bedeutung von „Zeit“ ist vielfältig und komplex und bezieht sich im Allgemeinen auf die Abfolge von Ereignissen und die Dauer von Zuständen. Die „tatsächliche“ (gemessene) Zeit und die individuelle Empfindung von Zeit können sich stark unterscheiden.
Letztere wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, darunter Emotionen, Aufmerksamkeit (da war doch dieses Zitat von Shunryu Suzuki am Anfang dieses Artikels!) und Umgebung.

In der Philosophie wurde und wird immer wieder diskutiert, ob Zeit real ist oder eine Illusion. Die Zeit sei eine Konstruktion des menschlichen Geistes und es gebe keine objektive Realität, die der Zeit entspreche, meinen die einen. Andere argumentieren, dass Zeit eine objektive Realität sei, die unabhängig von menschlicher Wahrnehmung und Konstruktion existiere.

In der Physik findet sich die Vorstellung, dass Zeit und Raum eng miteinander verknüpft sind und dass die Zeit keine absolute und objektive Grösse ist, sondern von der Bewegung und der Position von Beobachtern abhängt. Diese Idee basiert auf Einsteins Relativitätstheorie.

Diese Ideen und Konzepte sind komplex und kontrovers. Die meisten Menschen empfinden Zeit als eine reale und wichtige Grösse in ihrem Leben und Alltag – völlig egal, ob Zeit nun eine Illusion ist oder nicht.

Langeweile ist immer Langeweile an sich selbst.

(Quadbeck-Seeger)


„Mir ist langweilig!“ – „Das meinst Du nur.“

Indem wir uns mit Langeweile beschäftigen, können wir uns bewusst machen, was uns im Leben fehlt oder was wir gerne tun würden, um uns erfüllt zu fühlen.

Das Zulassen von Langeweile kann uns helfen, uns besser kennenzulernen und unsere Bedürfnisse und Wünsche zu identifizieren.
Zur Not lassen sich neue Aktivitäten und Hobbys entdecken, die begeistern und helfen, an der Lebensqualität zu schrauben.

Wie gesagt: Die Beschäftigung mit der Langeweile kann unterhaltsam und erfüllend sein. (Es sei an den Hund erinnert, der sich in den Schwanz beisst…)

Sill alive?

Wenn Du diesen Blog-Beitrag bis hierhin gelesen hast, fandest Du ihn offenbar nicht „sterbenslangweilig“.
Es ist übrigens nicht genau bekannt, warum man „sterbenslangweilig“sagt.
Möglicherweise geht es um die Vorstellung, dass Langeweile so unerträglich sein kann, dass man sich wünscht tot zu sein – um ihr zu entkommen.
Oder dass man sich dermassen langweilt, dass man glaubt, es dauere für immer und man tatsächlich vor Langeweile „sterben“ werde.

Zum Schluss mein Liebling:

Das Mühsame an der Ewigkeit ist, dass sie so lange dauert.
Vor allem gegen Schluss.

Ist Meditation langweilig?

Nicht langweiliger als Bungee-Springen oder ein Spaziergang durch die Schlangengrube. Kommt drauf an.

Auf die Tagesform kommt’s an und die Geduld, sich immer und immer wieder aus Grübeleien und Träumereien ins Jetzt zurückzupfeifen.

Eine Frage der Konzentration also. Wenn Du’s darauf angelegt hast, möglichst alles mitzukriegen, was in Dir und um Dich rum laufend geschieht, hat die Langeweile keinen Platz.

Aber Achtung: Meditation soll weder spannend noch langweilig sein, auch nicht nützlich oder gar heilig.

Untersuche die Sache selber, am besten täglich.
Lass Dich unterstützen, wenn es Dir Mühe macht eine tägliche Praxis zu etablieren: 7 Tage die Woche kannst Du um 06:30 kostenlos an einer offen gestalteten Online-Meditation teilnehmen.

Das klingt gut!

„Kann ich was verlieren?“ – „Nein.“
Von Hunden, Schweinen und Schweinehunden

Von Hunden, Schweinen und Schweinehunden

„Wir kreieren erst unsere Gewohnheiten und dann kreieren unsere Gewohnheiten uns.“
Das sagte vor ungefähr 350 Jahren John Dryden, ein englischer Dramatiker.

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Wenn Änderungsversuche scheitern, wird gerne der innere Schweinehund dafür verantwortlich gemacht.

Er bekommt darum hier die Aufmerksamkeit, die er verdient. Und ich verrate Dir, wie Du mit umgehen kannst.

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